Ersteindruck – »Sayonara Tokyo, Hallo Berlin« – Die Augen (aus)wandern lassen (Band 1)

Warum immer auf eine Review nach Abschluss der Serie warten, wenn man sich schon nach der ersten Episode beziehungsweise dem ersten Band einen Eindruck bilden kann? Da setzt Ersteindruck an und gibt schon einmal einen Ausblick darauf, ob es sich lohnt, dem Anime oder Manga eine Chance zu geben, oder nicht.

Sayonara Tokyo, Hallo Berlin - Band 1
Titel: Sayonara Tokyo, Hallo Berlin
Genre: Drama, Slice of Life
Mangaka: Nugiko Kutsushita
Start: Mai 2021 (Japan)
Mai 2023 (Deutschland)
Bände: in 2 Bänden abgeschlossen
Verlag: Crunchyroll Manga
Preis: 8 € pro Band
Alters-empfehlung: 12+

(Basis für diesen Ersteindruck ist der erste Band.)

Stellt euch vor, ihr würdet durch einen Schicksalsschlag alle eure Habseligkeiten verlieren und euch bliebe nur noch euer liebstes Hobby: die Fotokamera! Würde es euch reizen, sich diese zu schnappen und ein neues Leben in einem fremden Land zu beginnen, das unfassbar viele Motive bietet?

Als ehemalige Japanologiestudentin mit Auslands-Praktikumserfahrung in Inuyama (Aichi-Präfektur) hat mich »Sayonara Tokyo, Hallo Berlin« sofort angesprochen und viele Erinnerungen an die Zeit geweckt, in der ich selbst ganz neu in einer fremden Umgebung war, die sich sehr stark von meinem deutschen Alltag unterschied. Ich hatte zuvor noch nie etwas von der Mangaka Nugiko Kutsushita gehört, aber auf einigen Conventions schon Begegnungen mit japanischen Zeichnenden gehabt, die beispielsweise in den Niederlanden leben. Mit der konkreten Story vergleichbarer Auslandsjahrerfahrungen betrifft dieser Manga also jede Menge Personen. Schauen wir hinein.

(Zusammenfassung)

Nach einem Brand in ihrer Tokyoter Wohnung steht das Leben von Fotografin Aki auf dem Kopf. Wie soll es jetzt weitergehen? Lediglich ihre Kamera ist heil geblieben und so beschließt sie, das Unglück als Neuanfang zu nutzen: Sie zieht nach Deutschland, dem Herkunftsland ihres Kameraobjektivs. Erdbeerstände, Döner, Pfandsystem, Sommerurlaub mit Bouldern oder Flohmarkt auf dem Boxhagener Platz – ihre neue Wahlheimat Berlin zeigt sich von ihrer besten Seite. Der Perspektivwechsel hilft der farbenblinden Aki, ihr Leben in neuem Licht zu sehen und schlussendlich sogar (vielleicht?) sich selbst zu finden.

Crunchyroll Manga

 

Plus Auf beiden Seiten etwas lernen

Sayonara Tokyo, Hallo Berlin - Scan 1OMOEBA TOOKU NI OBSCURA © 2021 Nugiko Kutsushita (AKITASHOTEN)

»Sayonara Tokyo, Hallo Berlin« ist ein teils autobiografischer Manga über eine junge Japanerin, die es im Rahmen ihrer Selbstständigkeit als Fotografin nach Berlin verschlägt. Es ist die Geschichte einer Reisenden, die sich an ihrem neuen temporären Arbeitsplatz erst einmal zurechtfinden muss und die den Eigenheiten Europas und Deutschlands mit Verwunderung und Neugier begegnet. Auf diese Weise erfährt man als Berlin-Kenner*in, welche Aspekte am Leben in der Stadt einer Japanerin wundersam vorkommen können – und das sowohl positiv als auch negativ. Es werden beispielsweise die bürokratischen Hürden Deutschlands für Ausländer*innen thematisiert, wenn Aki auf dem Einwohnermeldeamt unfreundlich abgewiesen wird, aber auch die Einsamkeit von nach Deutschland ausgewanderten Personen.

Ich finde, dass es für Japaner aber auch für Deutsche sehr spannend sein kann, die in diesem Manga thematisierten Lebensumstände zu erfahren. Japaner bekommen einen Auszug der Sehenswürdigkeiten in diesem Land, aber auch spannenden Teilaspekten des alltäglichen Lebens in Deutschland, während Deutsche erfahren, wie Dinge in Japan ablaufen und was die Protagonistin vermisst. So freut sich Aki zwar darüber, dass sich der Berliner Sommer wesentlich weniger schwülheiß anfühlt als in ihrer Heimat, jedoch kann sie dennoch nicht verstehen, dass fest installierte Klimaanlagen in den Apartmentwohnungen hier eine absolute Rarität darstellen.

 

Plus Es wird auch lecker

Wer die kleinen Kocheinlagen und Erklärungen zur traditionellen Küche der Ainu in »Golden Kamuy« liebt, der wird auch in diesem Werk fündig: Im Manga finden sich diverse praktische Rezeptideen in den Kochsessions der Mitbewohnerinnen Rika und Aki. Weil original japanisches Essen natürlich um ein Vielfaches teurer ist als in Nippon, versuchen sich die beiden Speisen aus der Heimat ungefähr nachzukochen. Das fertige Gericht erhält am Ende ein sehr detailliertes Schaubild mit Erklärungspfeilen zu den Einzelzutaten. So entstehen beispielsweise eine »Krankensuppe mit eingeschweißtem Tofu«, als Aki sich schwer erkältet, oder später eine »Natron-Pasta-Ramen mit scharfem Miso«. Aber auch die gute alte Currywurst und das Berliner Original, der Döner, haben einen Gastauftritt im Werk.

Sayonara Tokyo, Hallo Berlin - Scan 2OMOEBA TOOKU NI OBSCURA © 2021 Nugiko Kutsushita (AKITASHOTEN)

 

Plus Realistische, aber nicht langweilige Protagonist*innen

Die Geschichte dieses Kurzmanga ist für mich auch eine der Selbstfindung. Man merkt Protagonistin Aki die bestehenden Selbstzweifel an oder meint zumindest, sie in ihrer teils unmotivierten, ruhigen Art zu sehen. Dass sie als ihren neuen Wohnort gerade das Geburtsland des Kameraobjektivs erwählt hat, zeugt eher nicht von bewusster Entscheidung, sondern könnte ein Versuch sein, die eigene Unsicherheit zu verstecken. Dies wirkt vor allem so, weil sie eine sehr ungewöhnliche Brücke zu Deutschland schlägt, wo in ihrem bisherigen Leben eigentlich keine war. Doch ich finde Aki dadurch nicht etwa unsympathisch oder langweilig – im Gegenteil! Sie leidet an einer teilweisen Farbsehschwäche, was nicht sehr förderlich für eine Fotografin ist, und verfolgt trotz des kleinen Handicaps ihren Beruf auf diesem Weg. Man meint, schon über die Dauer des ersten Bands kleine Veränderungen in ihr wahrzunehmen, die einen mit ihr und ihrem Umfeld freuen lassen.

 

Fazit:

Auf dem 25. Japan Media Arts Festival in 2022 erhielt die Kurzreihe »Sayonara Tokyo, Hallo Berlin« eine Jury-Empfehlung und auch ich kann euch Kutsushitas Manga nur wärmstens empfehlen. Mir gefällt der offene und frische Einblick in meine eigene Lebenskultur durch die Augen einer anderen Person sehr gut. Beim Erblicken der Berliner U-Bahn-Tafeln und -Schilder oder einfach nur einer bekannten Sehenswürdigkeit kann man schon mal schmunzeln. Es gibt Stellen, die einfach amüsant sind, und genauso welche, die zum Nachdenken anregen – gerade auch dann, wenn man in Rückblenden mehr über Aki als Person und ihre persönlichen Schwächen und Stärken lernt. Ich freue mich schon auf den zweiten, abschließenden Band.

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