30
May

Anime-Review: Boku Dake ga Inai Machi

Autor: 
Musaigen no Phantom World - Cover(Quelle: MAL)
Titel: Boku Dake ga Inai Machi
Genre: Drama / Thriller
Studio: A-1 Pictures
Release: 2016
Folgen: 12 à 23 Minuten
Publisher: Peppermint
Preis: im Simulcast-Abo

Willkommen zu meiner anscheinend kontroversesten Review bislang. Ich habe mich entschlossen, ein kleines Vorwort zu schreiben, wie ich auf diese Wertung gekommen bin, da meine Meinung zu Erased beziehungsweise Boku Dake ga Inai Machi vermutlich nicht dem Hype und den Bewertungen (Platz 6 auf Anisearch) gerecht wird. Zuerst einmal, warum fällt die Wertung so niedrig aus? Dramen müssen Menschen emotional abholen, es ist quasi eine Grundvoraussetzung des Genres und ein Anime um 90 Punkte muss für mich zusätzlich im Medium Anime irgendein Umdenken losgetreten haben. Dies sehe ich bei Erased nicht, selbst mit bereits ausgeblendetem eigenen Geschmack. Heißt das jetzt, dass mir der Anime nicht gefallen hat? Doch sehr wohl, nur mit wachem Verstand beim Schauen bröckelt das schöne Bild doch schon sehr stark. Ich will den Anime jetzt natürlich niemanden schlechtmachen, die Wertungszahl drückt lediglich einen künstlerischen Standpunkt aus und ist im Prinzip für eure Entscheidung, ob euch der Titel zusagt oder nicht, recht unerheblich, solange ihr einfach nur eine Serie zum Berieselnlassen braucht. Wie ich darauf nun komme, lest ihr dann im Folgenden.

(Zusammenfassung)
Satoru Fujinuma ist 29 und hält sich mit seiner Tätigkeit als Pizzabote über Wasser. Seinem Traum als Mangaka durchzustarten, steht er sich mit seiner entmutigten Art selbst im Weg. Doch er hat eine Gabe: Immer wenn ein Unglück geschieht, findet er sich in der näheren Vergangenheit wieder und hat die Chance, dieses zu verhindern. Als er jedoch eines Tages seine Mutter ermordet am Boden liegen sieht, findet er sich in seiner alten Grundschule wieder, genau vor der Entführung seiner ehemaligen Mitschülerin Kayo Hinazuki.

Handlung

Erased beschäftigt sich hauptsächlich mit Thematiken wie Vertrauen oder Aufopferung. Während dies einzeln betrachtet auch gut rüberkommt, erschließt sich mir die Gesamtaussage nicht, denn - überspitzt ausgedrückt - ist, opfere dich für Leute auf, die dir wichtig sind, um alles zu verlieren und zu sehen, wie sie in deiner Abwesenheit einen Scheiß draufgeben, sicher nicht die Aussage, die A-1 Pictures anstrebt. Weitergehend streut die Rahmenerzählung immer mal kleine größer werdende Hinweise ein, um dem Zuschauer in die richtige Denkrichtung zu drücken. Hätte man dabei nur früher angefangen, die Identität des Hauptantagonisten konkreter werden zu lassen, hätte sein plötzliches Agieren als solcher angesichts der vorangeschrittenen Episodenzahl auch nicht zu so vielen Logikfehlern geführt. Viel schöner sind da dann die Parallelen zwischen der Rahmenerzählung im Jahr 2006 und der Binnenerzählung im Jahr 1988, obwohl sie sich bis auf Satoru und seiner Mutter völlig anderen Charakteren bedienen. Die Show ohne Previews für die nächste Folge ist dabei eine 1:1-Adaption des Manga von Kei Sanbe und kriegt nach dem ersten Viertel auch sehr schöne Cliffhanger hin, die einen bei der Stange halten.

Charaktere

Bereits in der Gegenwart im Jahr 2006 bekam man mit Airi einen Nebencharakter zu sehen, der dadurch, dass sie sowohl die Nähe zu Satoru sucht als auch sich von ihm distanziert, ihre Gefühle sehr deutlich zeigt. Schon mal vormerken: Ihr Vater hat die Familie verlassen, weil niemand ihm glaubte. Genauso durchdacht findet man später auch die vielen Kindercharaktere in Satorus Grundschulklasse vor, darunter unter anderem Kenya, der für einen 11-Jährigen überraschend taktisch und intelligent agiert und so immer wieder Satoru, der mit seinem 29-jährigen Geist im Körper seines 10-jährigen Ichs steckt, immer wieder durchschaut und sich einmischt, bevor er die Probleme mal wieder versucht, alleine zu lösen. Aber jetzt erst mal zu den Hauptcharakteren: Satoru lässt niemanden an sich ran, da ihn seine Vergangenheit um den Mord von Kayo Hinazuki nicht loslässt, woraus auch seine Fähigkeit des Reruns entstanden sein muss. Seine Mutter Sachiko hat als Ex-Reporterin und alleinerziehende Mutter eine messerscharfe Beobachtungsgabe. Dies wird im späteren Verlauf so absurd, dass sie in Voraussicht, dass Kayo bei ihnen unterkommen wird, ihr einen Schlafanzug im Voraus gekauft hat. Satoru, der - warum auch immer - laut denkt, entlockt sie Informationen mit gezielten Fangfragen. Schlussendlich bleibt noch Kayo Hinazuki als ein Hauptcharakter, der Satoru nicht nur das Leben durch das Verhindern der Entführung rettet, sondern ihr Leben auch lebenswert macht, denn Kayo vertraut durch die Misshandlungen ihrer Mutter - die von ihrem Exmann vor der Trennung ebenfalls misshandelt wurde - niemanden und öffnet sich erst durch Satorus Einwirken zunächst ihm und später auch anderen. Das auffällige Charakterdesign (siehe Entenlippen) wurde vom Manga adaptiert und noch mal um einiges aufgehübscht.

Animation

Animationstechnisch bleibt A-1 Pictures sich treu - simpel, realistisch, zweckgemäß. Dementsprechend findet man wie in allen Zeitsprung-Anime auch wieder die üblichen stilistischen Mittel wie den blaue Schmetterling, die verbrennenden Dia-Streifen oder Negativ-Bilder beim Wechsel in eine andere Zeit. Um zu verdeutlichen, dass sich Satoru jetzt als Kind in seiner Grundschulzeit befindet, greift man hier auf eine Änderung des Bildformates von 16:9 auf 21:9, dem Kino-Format, zurück, was erneut simpel und zweckmäßig ist - mehr nicht. Kleine kreative Lichtblicke lassen sich da in der Darstellung von bösen Taten sehen, wo das Studio die Augenfarbe des jeweiligen Charakters rot färbt, aber bis auf das Spielen mit Rot und Weiß als Kontrast in den ersten Folgen bleibt der Anime auch hier recht durchschnittlich. Das kann man nun alles sehen, wie man will, aber für den letzten Punkt muss ich etwas ausholen: Bei der Animation der Häuser in der Nachbarschaft hat man hier auf 3D-Computermodelle gesetzt. Nun ermöglichen 3D-Modelle auch dreidimensionsionale Kamerafahrten, die hier ohne Nachdenken zum Einsatz kommen und einen aus der Stimmung herausreißen.

Sound

Der Soundtrack ist so ziemlich das Durchschnittlichste vom Durchschnittlichen - obwohl er doch von Yuki Kajiura stammt, die uns mit ihrem Wirken an unter anderem Noir zur Jahrtausendwende an die Serie gefesselt hat. Tendenziell ist das aber auch nicht schlecht, dass der etwa vierzigminütige Soundtrack fast ausschließlich das Klavier nutzt, denn es passt ganz gut zum Setting der 1988er. Ausnahmen bilden da - wie auch zu erwarten - Carefree-Themes, Suspense-Themes und derlei. Ansonsten gibt es nur wenig Stellen, wo der Soundtrack mal richtig negativ durchkommt. Was stellenweise viel mehr durchkommt, sind echt laute Soundeffekte, die nicht den Anschein machen, als wären sie sauber aufgenommen beziehungsweise abgemischt worden. Fans hat das Opening Re:Re von Asian Kung-Fu Generation und das Ending Sore wa Chiisana Hikari no you na von Sayuri dann doch eher. Ersteres erinnert da sehr an jazzige, rhythmische Popmusik, wie sie auch in Deutschland populär ist, während Letzteres in seinem schwermütigen Feel mich an das legendäre Kimi no Shiranai Monogatari erinnert. Zuletzt hatten bei den vielen Kindercharakteren die Synchronsprecher natürlich viel zu leisten. Es ist schön zu sehen, dass der Anime daran nicht scheitert. Die Idee, Satorus erwachsene Stimme für die Gedanken des 10-Jährigen zu nutzen, gefällt mir ebenfalls.

Fazit

Handlung: Charaktere: Animation: Sound: Gesamt:
8 / 10 9 / 10 7 / 10 8 / 10 82 / 100

Warum also stimme ich nun nicht damit überein, Erased in die Reihen anderer Meisterwerke zu heben? Zunächst einmal besticht der Anime mit sehr authentischen Kindercharakteren und macht auch dramaturgisch erst mal alles richtig. Leider stimmt viel darum herum nicht. Während die Charaktere liebevoll auf den Anime angepasst sind und es einige wahrlich schöne Schlüsselszenen gibt, leidet der Anime unter den aufwandsarmen stilistischen Animationsmitteln und auch der Soundtrack ist zwar zweckgemäß, kommt aber an ältere Werke von Yuki Kajiura nicht ran.

Plus Minus
  • zunächst packendes Drama
  • geniale Kindercharaktere
  • Hinweise im Anime verstreut
  • Sounds nicht gut abgemischt
  • viele Logiklücken gegen Ende

Ähnlich: Anohana (Anime) + Koe no Katachi (Manga)

Dimbula

Dimbula ist hier Mädchen für alles, wenn er mal gerade nicht Manga liest, J-Musik hört oder Final Fantasy zockt.

Website: twitter.com/ItsDimbula

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