07
August

Interview - Manga Cult: »Gantz war eigentlich als Starttitel geplant« (AnimagiC 2018)

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Mikrofon ausgepackt, Ständer aufgebaut und Aufnahme: Überall, wo sich Menschen treffen, gibt es auch immer Leute, die Spannendes zu erzählen haben. Einige davon kriegen wir hin und wieder vor unsere Kamera, vor unseren Notizblock oder in Skype und Teamspeak gezogen.

Manga Cult - LogoAls Grafikstudio zum Comicverlag mit eigenem Mangaimprint – das ist Manga Cult. Gestartet mit »Blame!« und »Basilisk« im Oktober 2017 verstehen sich die Ludwigsburger vor allem als Zuhause für Sammler und Hardcover-Fans. Keinesfalls sind sie aber völlige Unbekannte: Schon für Titel wie »Dragon Ball« fertigten sie Druckvorlagen an, wo das Material noch analog herumschwirrte. Irgendwann aber verlagerte sich die Tätigkeit ins Ausland, wodurch das eigene Verlagsgeschäft in den Vordergrund rückte. Eine Schlüsselrolle in diesem Transformationsprozess fällt dabei Programmleiter Michael Schuster zu, der im Gespräch mit Anihabara.de über den Übergang vom analogen zum digitalen Zeitalter, den Erstkontakt mit Japan, die Unterschiede zwischen Comic- und Mangalesern sowie seine aktuellen Lieblingstitel sprach.



In Textform:

Hallo Michael, stell dich vielleicht erst mal vor: Was machst du bei Manga Cult? Was sind deine Aufgaben?

Michael Schuster: Mein Name ist Michael. Ich mach bei Manga Cult ziemlich viel: das Programm an sich, die Lizenzen, die Verhandlungen mit den Japanern, Messen – eigentlich alles, was nicht Presse und Geschäftsführung ist. Vor allem aber Lizenzen.

Gutes Stichwort: Ihr seid ja nicht völlig neu, was Manga angeht. Euch gab's auch schon vorher als Amigo Grafik und habt das Lettering und das Erstellung von Druckvorlagen für Titel wie »Dragon Ball« gemacht. 

Michael Schuster: Genau, wir haben viel für Carlsen gelettert, bis es ins Ausland gegeben wurde – die genauen Gründe dafür weiß ich nicht – und dann war lange Zeit Pause. Wir haben unseren Comics weitergemacht und jetzt machen wir unsere eigenen Manga.

Kannst du mir erzählen, wo die Unterschiede in den Arbeitsabläufen liegen im Vergleich von damals zu heute?

Michael SchusterAmigo Grafik hat noch zu Zeiten gelettert, wo man noch scannen musste und es noch keine offenen und gelayerten Daten gab. Wir haben aus der Zeit im Keller noch einen riesigen Scanner. Amigo Grafik macht das also schon ewig. Uns gibt's immerhin seit fast 20 Jahren und früher hat man halt noch die Reproduktions-Daten in der Gegend herumgeschickt. Mit dem Digitalzeitalter hat sich natürlich viel verändert und es ist deutlich leichter geworden, wobei manche alte Titel wie »Tekkon Kinkreet« oder »Gantz« natürlich immer noch nicht gelayert, da muss man immer noch von Hand alles herausretuschieren. Das ist gar nicht so einfach, aber es geht.

Was kam jetzt mit dem eigenen Label an neuen Aufgaben dazu?

Michael SchusterLetztendlich vor allem diese ganzen Lizenz-Geschichten, also überhaupt erst mal Kontakte mit Japan zu knüpfen, was gar nicht so schwierig ist, wie manche immer meinen. »Blame!« ist im Oktober 2017 gestartet, also jetzt vor etwas mehr als einem Jahr, und wir haben von vielen Verlagen wie Shueisha, Kodansha und Shogakukan Titel. Es ist also möglich. Der Erstkontakt ist natürlich ein bisschen aufwendiger: Man muss vorstellen, warum man überhaupt eine Daseinsberechtigung hat und was die eigenne Pläne sind. Das hat (bei uns) alles gut funktioniert und jetzt ist halt vor allem wichtig, diesen unglaublich großen Manga-Markt ständig im Blick zu behalten und die guten Titel zu entdecken, bevor andere sie entdecken, oder Klassiker zu entdecken, an die sich schon lange niemand mehr herangetraut hat. Solche Geschichten eben.

Machen wir noch einmal einen Schritt zurück: Wie kam eigentlich bei euch im Verlag die Idee, das Mangalabel zu gründen? Ihr habt euch ja bewusst für die Seinen-Schiene entschieden: Ist das eine Entscheidung, die sich für euch als lohnenswert herausgestellt hat? Es gibt nun zum Beispiel ja auch Altraverse, die als Generalist an den Start gegangen sind. Wie siehst du das?

Michael Schuster: Das ist eine gute Frage. Ob es sich lohnt, kann ich nicht zu 100 Prozent sagen, das müssen wir herausfinden. »Blame!« lohnt sehr. Es kommt aber auf die Titel an. Die Seinen-Scheine kann funktionieren. Definitiv. Wir brauchten aber auch einfacheine Rechtfertigung für Japan, warum es jetzt überhaupt noch einen neuen Verlag braucht. Ich meine, Altraverse ist neu, aber es sind keinen neuen Menschen im Geschäft. Wir sind neu-neu. Uns kennt kein Mensch (in Japan) so richtig. Deswegen brauchten wir einen Grund, um zu sagen: »Hey, wir wollen etwas anderes machen«. Wenn man jetzt unser Programm für Winter 2018 und Frühjahr 2019 anschaut, sieht man ja: Es wird ein bisschen genereller, wenn auch nicht ganz so sehr wie bei Altraverse. Wir haben zum Beispiel noch nichts für Mädels so wirklich. Es geht also immer ein bisschen mehr in diese Richtung, aber wir bleiben natürlich auch bei unseren Seinen-Geschichten. Wir ändern jetzt nicht die Richtung um 180 Grad, aber wir wollen schon ein bisschen genereller werden. Von daher ist es eher eine Strategie als jetzt eine hundertprozentige Sicherheit, dass es sich lohnt, aber bisher tut es das. »Gantz« zum Beispiel ist praktisch heute (auf der AnimagiC) gestartet und wir sind sehr zufrieden. Aber mit solchen Titeln kann man auch in Deutschland wirkliche Seinen-Titel durchziehen. Definitiv.

Bleiben wir kurz bei eurem Comiclabel und vor allem bei euren Comic-Lesern. Meine Frage ist: Wie unterscheidet sich ein Comic-Leser von einem Manga-Leser? Gibt es Gemeinsamkeiten? Und vor allem in welchen Punkten musstet ihr umlernen?

Michael Schuster: Meiner Ansicht nach unterscheiden sie sich massiv, weil Manga-Leser leider Gottes wirklich selten Bock auf Comics haben. Andersherum ist es dasselbe. Sie unterscheiden sich auch wirklich, in der Art zu sammeln: Comic-Leser zahlen gern mehr Geld für möglichst luxuriöse, fette Ausgaben. Manga-Leser wollen völlig wertfrei für möglichst wenig möglichst viel und möglichst schnell. Bei Comics sind 50 Euro für limitierte Editionen oder Variant-Ausgaben noch okay. Bei »Blame!« ist mit 28 Euro langsam auch der Ofen aus. Vor allem die Preissensibilität ist also der Unterschied. Es sind aber auch ganz einfach andere Themen. Manga erzählen ganz andere Geschichten als Comics. Mir liegen Manga selber ein bisschen mehr als Comics, aber ich lese natürlich auch viele Comics. Bei Cross Cult bin ich ja schließlich genauso beteiligt. Es geht schon stark über Preis und das Kaufverhalten. Ich meine, du bekommst Comics vor allem in Comicläden. Manga kriegst du halt auch beim Thalia ziemlich großflächig. Und es ist das Alter: Manga-Fans fangen viel früher an und hören heutzutage nicht mehr so früh auf. Dadurch gibt zum Glück die ganzen älteren Fans, die für unsere Titel interessant sind. In Deutschland gibt es viel weniger junge Comics-Fans, weil die Jungen gar nicht den Kontakt damit haben.

Letzter Themenbereich für diejenigen, die euch noch nicht kennen: Für welche Titel steht ihr genau? Was sind eure aktuellen Highlights? Gibt es hinter einem der Titel eine besondere Geschichte, wie die Lizenz in eure Hände gekommen ist?

Michael Schuster: »Gantz« allein ist schon eine interessante Geschichte: In dem Moment, wo wir mit Manga Cult an den Start gegangen sind, waren die Stimmen gigantisch groß, dass wir doch endlich »Gantz« herausbringen sollen. Tatsache ist, dass »Gantz« von Anfang an einer der ersten Manga war, die wir zusammen mit »Blame!« lizenzieren wollten. Es hat dann aber deutlich länger gedauert, den Titel zu lizenzieren. Deswegen erfüllen wir uns einerseits damit einen Traum, andererseits war »Gantz« schon immer als Starttitel bei uns in Planung. Zusammen mit »Blame!« sind das auch unsere Highlights. Natürlich sind auch »Green Worldz« und »Kuhime« supergut. Wir würden schließlich nichts machen, an dass wir nicht glauben. Es kommt aber jetzt noch wirklich cooles Zeug: ganz vorneweg »Land der Juwelen« beziehungsweise »Houseki no Kuni«. Sicher kennen noch viele den Anime, auch wenn er in Deutschland nie so wirklich offiziell lief. Da setzen wir große Hoffnungen rein wegen seiner großartigen Geschichte. Ich mag aber auch die Artworks. Ich denke, vielen werden sie gefallen. Wir werden vielleicht auch irgendwann Shōnen-Titel machen, aber dann immer ein bisschen speziell. Ich meine, wer würde sich eine tolle Shōnen-Reihe entgehen lassen, wenn er die Möglichkeit hat, sie zu veröffentlichen. Das ist klar. Aber wir suchen natürlich immer nach speziellen Titeln und »Houseki no Kuni« ist sehr speziell. Ein Titel, der noch sehr cool ist und gar nicht so viele kennen, ist »Queen Zaza« im Original »Kuutei Dragons« oder auf Englisch Drifting Dragons. Der Titel ist vor allem supercool, weil er mega gutes Artwork im Ghibli-Stil wie »Nausicaä« oder »Laputa« hat, und er hat auch eine witzige Geschichte. Es geht dabei um Drachen-Jäger, die mit Steampunk-Zeppelinen durch die Wolkenmeere fahren und böse Drachen jagen, um sie dann zu kochen und zu essen. Richtige Action-Fantasy! Er ist bei uns zwar nicht sehr bekannt, aber das Feedback darauf war bisher sehr gut, weil er unglaublich cool aussieht. Das sind so gerade unsere Hoffnungen. Wir haben natürlich schon einiges mehr lizenziert, was ich euch logischerweise gerade noch nicht erzählen kann, aber da kommen noch einige. Von der Ausrichtung bleiben wir bei Science-Fiction und Fantasy kommt dann jetzt dazu. Horror tatsächlich gar nicht mal ganz so viel, weil es gar nicht so leicht ist, die perfekten Horrortitel zu finden. Aber das liegt schon auch noch im Fokus. Wenn es geht, werden wir auch immer wieder versuchen, etwas Neues auszuprobieren und weiter Hardcover herauszubringen, was nicht ganz einfach ist, weil die Reihen nicht zu lang werden dürfen. Wir bleiben also bei der Schiene, erweitern halt alles so ein bisschen.

Macht es einen Unterschied, ob man einen bereits in Deutschland erschienenen Manga neu auflegt wie zum Beispiel »Gantz« oder eine ältere Reihe komplett neu nach Deutschland holt? Wo liegen die Unterschiede gerade im Vergleich zu aktuellen Titeln wie »Aposimz«, die noch in Japan laufen?

Michael Schuster: Man hat halt einige ganz große Klassiker wie »Blame!«, »Gantz«, »Monster« oder allgemein Titel von Naoki Urasawa. Das sind die, die wir oft als Wünsche bekommen. Ich denke, wenn man solche Titel in Deutschland endlich nochmal veröffentlicht, funktioniert das. Und es passiert ja jetzt auch: Nachdem »Blame!« ganz gut funktioniert hat, kommen ja auch von anderen Verlagen jetzt doch mal wieder ein paar alte Geschichten – »Biomega« bei Egmont Manga zum Beispiel. Es ist aber schon schwieriger, wenn man keinen aktuellen Anime dazu hat. Man spricht dann schon eher die nostalgischen Fans an, die es damals schon irgendwie auf MTV mitbekommen haben oder im Buchhandel schon mal vor dem Manga standen und es jetzt wieder cool findet. Ich weiß nicht, ob man die ganzen jungen Leser, die Anime-Fans sind, damit kriegt. Und dazu braucht man nach wie vor die aktuelleren Titel, die halt auch Anime-Unterstützung haben, was wir ja gar nicht so viel haben. Wir sind noch recht viel ohne Anime-Unterstützung unterwegs. Aber man weiß ja auch nie, wann mal was zu einem Anime wird. Wir werden in Zukunft sicher auch mal den ein oder anderen Anime-Titel haben. Zum Glück. Ich glaube, es macht keinen großen Unterschied, ob er jetzt schon veröffentlicht war und nun vergriffen ist oder noch gar nicht veröffentlicht wurde, weil die neuen Leute, die sich das damals nicht gekauft haben, die gibt es ja. »Blame!« gabs ja auch, war vergriffen und verkauft sich trotzdem super. »Gantz« war auch noch nie komplett veröffentlicht, funktioniert aber super so weit. Es kommt eben stark auf die Titel an. Ich könnte auch ein paar Klassiker raussuchen, die wir nicht verkauft kriegen. Es ist nicht leicht, aber es rentiert sich, es zu probieren. Definitiv.

Und von den Arbeitsabläufen?

Michael Schuster: Je älter der Manga, desto schwieriger hat man es mit dem Material teilweise. Man muss viel mehr retuschieren, die Cover haben oft nicht die optimale Auflösung für unser größeres Format. Manchmal sind Daten gar nicht da. Dann heißt es: »Wir wissen gar nicht, ob ihr den lizenzieren könnt«. Das passiert selten, aber so was gab es bei ein, zwei Titeln auch schon. Aber die Daten der neueren Manga sind auch nicht grundsätzlich auf verschiendenen Ebenen angelegt, weil die japanischen Zeichner oft noch ein bisschen klassischer arbeiten und nicht ganz so digital oder irgendwo in der Kette alles zusammengestampft worden ist. Riesig groß ist der Unterschied in der Arbeit aber nicht. Es sei denn eine Lizenz ist verloren gegangen, weil der Autor sie sich zurückgeholt hat und man sie deswegen nicht mehr findet.

Vielen Dank Michael Schuster und Manga Cult für das Interview.

Dimbula

Dimbula ist hier Mädchen für alles, wenn er mal gerade nicht Manga liest, J-Musik hört oder Final Fantasy zockt.

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