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26
September
2021

Ersteindruck - »Blue Giant« macht verdammt viel Laune auf Jazz

geschrieben von 

Warum immer auf eine Review nach Abschluss der Serie warten, wenn man sich schon nach der ersten Episode beziehungsweise dem ersten Band einen Eindruck bilden kann? Da setzt Ersteindruck an und gibt schon einmal einen Ausblick darauf, ob es sich lohnt, dem Anime oder Manga eine Chance zu geben, oder nicht.

Blue Giant - Band 1
Titel: Blue Giant
Genre: Musik, Slice of Life
Mangaka: Shinichi Ishizuka
Start: Mai 2013 (JP)
Bände: in 10 Bänden abgeschlossen
Verlag: Carlsen Manga
Preis: 8,00 € pro Band

(Basis für diesen Ersteindruck ist der erste Band.)

Ohne Lehrer und ohne die Fähigkeit Noten zu lesen möchte Dai Miyamoto das Saxophonspielen lernen. Ist das möglich? »Blue Giant« ist die Vorgängerreihe zum in Deutschland erschienenen »Blue Giant Surpreme« und zeigt die ersten Schritte von Dai auf seiner Reise zum besten Saxophon-Spieler der Welt. Kann der Kritikerliebling (Shogakukan-Manga-Preis-Sieger von 2016) die hohen Erwartungen erfüllen, die ich als Fan von Musik-Manga wie »Beck« habe?

(Zusammenfassung)

Dai Miyamoto ist in seinem Abschlussjahr der Oberschule. Er spielt Basketball, arbeitet halbtags an einer Tankstelle und lebt allein mit seinem Vater und seiner kleinen Schwester. Ein ganz durchschnittlicher Teenager also. Doch seit vielen Jahren ist er auch ein leidenschaftlicher Jazz-Fan – ein etwas ungewöhnliches Hobby für einen Jungen dieser Tage. Unermüdlich probt er mit seinem Saxophon – wann immer und wo immer. Dais Ziel: Er will ein Gigant der Jazz-Musik werden. All seine Freunde finden seine Leidenschaft eher uncool.
Die ersten Auftritte – alles andere als ermutigend, aber Dai hält an seinem Traum fest und gibt nicht auf!

Carlsen Manga

Plus Stereotype Hauptfigur ade

Blue Giant - Scan 1Blue Giant © 2013 Shinichi Ishizuka / Shogakukan

»Folge deinem Traum«-Manga gibt es seit einigen Jahren in immer größerer Fülle. Gerade »Blue Period«, »Welcome to the Ballroom« und das etwas ältere »Silver Spoon« zeigen, dass auch Nischen-Themen spannend in Manga dargestellt werden können.

Eine große Rolle für den Erfolg dieses Genres spielt der Protagonist der Serie, dessen Traum im Laufe der Geschichte in Erfüllung gehen soll. Sollte dieser nicht sympathisch sein, ist es für den Leser kaum möglich, die Gefühle des Erfolges im Laufe der Geschichte nachzuempfinden. Gerade Shōnen-Manga nutzen in den letzten Jahren häufig einen ähnlichen Aufbau dieser Hauptfiguren: Man begleitet zum Großteil Personen, die mit ihrem Leben unzufrieden sind und gemeinhin als »Loser« bezeichnet werden – zum Beispiel in »Chainsaw Man«, »Tokyo Revengers« et cetera. Diese Figuren brauchen keine besonderen Gründe, um ihr Leben zu verändern und sind somit gerade zu Beginn der Geschichte einfach zu schreiben. Leider führt diese Entwicklung auch dazu, dass erfahrene Manga-Leser selten Überraschungen in der Motivation der Protagonisten erfahren.

Glücklicherweise geht »Blue Giant« einen anderen Weg. Dai Miyamoto ist ein ganz normaler, beliebter Mitschüler. Als Mitglied des Basketball-Teams und mehreren Freundescliquen wirkt er wie ein typischer japanischer Schüler, der am Ende seiner Schullaufbahn einen Bürojob annehmen wird. Aus diesem Grund muss Zeichner Shinichi Ishizuka herausarbeiten, weshalb Dai beginnt sich für Jazz-Musik und das Saxophonspielen zu begeistern. Dies gelingt durch kurze Flashbacks zu einem Jazz-Konzert. Daneben werden glücklicherweise typische Tropes eher selten genutzt. So ist Dais Vater – wie in so vielen anderen ähnlichen Manga wie »Welcome to the Ballroom« oder »Bakuman« – nicht das erste Hindernis für den Traum, sondern unterstützt ihn bei der Erfüllung.

Eher typisch für Protagonisten ist, dass auch Dai nicht aufgeben möchte, auch wenn er einen Rückschritt erlebt. Nachdem Dai sein erstes Konzert eher mittelmäßig spielt – was weitaus glaubwürdiger ist, als wenn er direkt ein neuer Charlie Parker wäre – bekommt der Leser aber nicht die typische »Ich werde es allen zeigen«-Ansprache, sondern er verlässt bedrückt die Jazz-Bar. Erst nach einiger Reflektion kann er sich dazu aufraffen weiterzumachen. Diese kleinen Unterschiede zu anderen Manga in dem Genre führen dazu, dass Dai wie eine reale Figur mit Stärken und Schwächen wirkt, in die man sich als Leser gut hineinversetzen kann.

Mixed Liebe für Musik

Blue Giant - Scan 2Blue Giant © 2013 Shinichi Ishizuka / Shogakukan

Für Neulinge, die zum ersten Mal einen Musik-Manga in der Hand halten, kann es befremdlich wirken, Klänge komplett stumm zu erleben. Glücklicherweise hat »Blue Giant« gute Vorbilder wie »Beck« oder »Nana«, die zeigen, dass sich Emotionen sowie Klänge durch zeichnerische Tricks problemlos auf den Leser übertragen. So probt Dai ab dem zweiten Kapitel unter einer Brücke. Sein erster Ton erzeugt einen starken Hall, der durch kreisförmig abgehende, unterschiedliche dicke Linien dargestellt wird, die den kompletten Hintergrund ausfüllen. Diese Linien, gepaart mit Dais überraschten Gesichtsausdruck, machen den Hall selbst ohne Töne wahrnehmbar. Generell nutzt der Manga in vielen Szenen unterschiedliche Schwarzanteile sowie Lichtquellen, um Musik über die Atmosphäre darzustellen. In dem Tunnel spielt Dai direkt unter einer großen Leuchte, die in dem Tunnel eine Art Bühne im Scheinwerferlicht erzeugt. Daneben hilft die Reaktion der Zuhörer, ein Gefühl für die Musik zu bekommen. So beginnt sein bester Freund Mitsuaki direkt zu weinen, als er Dai spielen hört. Auch negative Reaktionen – wie in der Jazz-Bar, in der Dai spielt – zeigen, dass Dai noch kein Saxophonprofi ist.

Auch abseits der Saxophonauftritte können Leser sehr gut sehen, dass Shinichi Ishizuka ein großer Musik-Fan ist. Saxophone, Gitarren und andere Instrumente sind sehr detailliert gezeichnet und ähneln häufig originalgetreu realen Vorbildern. Zusätzlich werden immer wieder Bezüge zur echten Jazz-Musik gezogen, dessen Faszination auch Jazz-Anfänger verstehen. Auch die Überschriften der einzelnen Kapitel bedienen sich bekannten Jazz-Titeln und -Alben.

Mixed Set-up mit Pay-off

Blue Giant - Scan 3Blue Giant © 2013 Shinichi Ishizuka / Shogakukan

»Blue Giant« hat wirklich sehr viele Stärken, quält sich aber ein bisschen mit einer häufigen Schwäche des »Folge deinem Traum«-Genres: Der Beginn der Geschichte ist etwas langsam. Speziell in den ersten Kapiteln wird erst einmal Dai als Charakter eingeführt. Das führt dazu, dass sich die Geschichte zu Beginn kaum bewegt. Der gesamte erste Band beschäftigt sich damit einzuführen, warum Dai angefangen hat, das Saxophonspielen zu lieben und weshalb er täglich spielt. Zusätzlich werden seine Freunde sowie seine Eltern eingeführt. Verglichen mit aktuellen Shōnen-Manga wie »Demon Slayer« oder »Jujutsu Kaisen« kann dies einige Leser abschrecken. Um »Blue Giant« genießen zu können wird Geduld benötigt: Erst gegen Ende des ersten Bandes hat Dai seinen ersten Auftritt und muss seine ersten großen Herausforderungen überwinden. Oberflächlich betrachtet hat Dai sich im ersten Band auch nicht weiterentwickelt. Auf den ersten und den letzten Seiten des Manga steht Dai an einem Fluss und spielt Saxophon. Die Erlebnisse, die zwischen diesen beiden Augenblicken geschehen, haben ihn aber so sehr geprägt, dass er – auch wenn die Szenen sehr ähnlich gezeichnet sind – nun eine ganz andere Motivation hat, Saxophon zu spielen.

Dieses langsame Pacing ist aber nicht unbedingt ein Problem. Vielmehr bedeutet es, dass Leser die Möglichkeit haben, Dai sowie die anderen Figuren des Manga detailliert kennenzulernen und somit eine stärkere Verbindung zu ihnen aufzubauen. Insofern gehe ich davon aus, dass die weiteren Bände die Geschichte weiter vorantreiben werden, nachdem die Einführung in den ersten Kapiteln beendet wurde.

Fazit:

»Blue Giant« ist neben einer Hommage an die Jazz-Musik ein wirklich stark geschriebener und interessant gezeichneter Coming-of-Age-Manga, der wieder einmal zeigt, dass sich auch Nischen-Themen für eine Manga-Umsetzung eignen.

Fans von »Blue Giant Surpreme« freuen sich sowieso schon lange auf das Prequel, aber auch vielseitig interessierte Leser sollten sich mit diesem Titel beschäftigten, solange sie damit Leben können, dass sie kein Actionfeuerwerk erwartet.

Rezensionsexemplar - Carlsen Manga

Shin

Während Shinuslaw als Doktorand von seinem eigenen Lehrstuhl träumt, schreibt er gelegentlich schlaue Texte und führt clevere Interviews – wenn er jedenfalls nicht gerade bei Twitter rumpöbelt.

Webseite: twitter.com/Shinuslaw

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