13
September

Anime-Review: Wave, Listen to Me! - Hör, was ich zu sagen habe!

Autorin: 
Wave, Listen to Me! - Cover
Titel: Wave, Listen to Me!
Genre: Comedy, Drama
Studio: Sunrise
Release: 2020
Episoden: 12 à 24 Minuten
Publisher: Wakanim
Preis: im Abo

»Blade of the Immortal« ist in gewissen Sphären der Anime- und Mangawelt ein viel diskutiertes Phänomen. Hiroaki Samuras Samurai-Epos lief von 1993 bis 2012 als Manga, bekam 2008 einen Anime von Bee Train spendiert, hatte 2017 die Ehre der 100. Film von Star-Regisseur Takashi Miike zu sein und Ende 2019 startete eine weitere Anime-Adaption von Liden Films auf Amazon Prime, die bis März 2020 lief. Warum erzähle ich euch das alles? Weil es mich immens überrascht, dass trotz seiner Bekanntheit Samura-senseis neueste Anime-Adaption namens »Wave, Listen to Me!« in der Frühlingsseason 2020 ziemlich unterging. Woran lag es? Kann Samura-sensei seine meisterlichen Fähigkeiten auch dann abrufen, wenn es statt um Samurais ums Radio geht? Finden wir es heraus!

(Zusammenfassung)

Minare Koda tut sich mit dem Ende ihrer letzten Beziehung schwer. Fünf Tage nach der Trennung trinkt sie sich in einer Bar rappelvoll und klagt dabei einem Typen aus den Medien, den sie seit 40 Minuten kennt, aufbrausend ihre gesamte Leidensgeschichte. Als sie am nächsten Tag während der Arbeit in einem Curry-Restaurant ihre betrunkene Wutrede im Radio hört, sprintet sie erzürnt los Richtung Radiosender, wo sie den Mann vom Vorabend wieder trifft. Als sie das Tonband stoppen möchte, lädt der Mann namens Kanetsugu Matou sie dazu ein, den Rest ihrer Geschichte doch einfach live zu erzählen. Denn aus irgendwelchen Gründen ist Matou begeistert von Koda und möchte aus ihr unbedingt eine Radiopersönlichkeit machen. Das ist der Anfang von Kodas Karriere im Radio mit ihrem Programm »Wave, Listen to Me!«.

eigene Beschreibung

Handlung & Charaktere

Ich möchte direkt gestehen, dass ich eine gewisse Faszination für Titel empfinde, die sich mit der Produktion von Medien auseinandersetzen. Ich liebe Anime wie »Shirobako«, »Bakuman« und »Animation Runner Kuromi«. So löste auch »Wave, Listen to Me!« schnell Neugierde aus, als ich las, dass es um die Hintergründe einer Radioproduktion gehen würde. Doch während des Schauens ist mir aufgefallen, dass die Radiowelt im eigentlichen Anime letztlich keine große Rolle spielt, sondern vielmehr als Ventil für unsere Protagonistin Minare Koda genutzt wird. Minare hat ein ziemlich loses Mundwerk. Was andere sich nicht ansatzweise trauen würden auszusprechen, läuft einfach so über ihre Lippen mit teilweise sehr böser Wörtwahl. Mir wurde sie dadurch sehr schnell sympathisch. Mir fallen auf Anhieb nicht viele Figuren ein, die so eine freche Zunge wie Minare besitzen – vor allem nicht in einem Alltagsdrama. Ein treffender Vergleich wäre eventuell Revy aus »Black Lagoon«, nur dass Minare eben keine Auftragskillerin ist. Ernsthaft, ich kann nicht oft genug betonen, was für ein großes Alleinstellungsmerkmal Minares Charakter ist, die im Prinzip den gesamten Anime trägt. Ihre Art ist so unkonventionell. Besonders auffällig: Sie redet ziemlich schnell, ohne dabei auch nur irgendwann mal über ihre Zunge zu stolpern. Die Protagonistin ist schlichtweg das Hauptargument für diese Serie. Wer mit ihr nichts anfangen kann, sollte es gleich bleiben lassen.

Die Weise, wie das Radiomachen im Anime genutzt und dargestellt wird, finde ich auch recht faszinierend. Minares Radioshow ist keine übliche Radioshow. Es wird nicht einfach zwischen den einzelnen Song-Segmenten moderiert, stattdessen performt Minare fiktionale Live-Hörspiele – dessen Kulisse auch entsprechend in Szene gesetzt wird. In diese lässt sie viel aus ihrem Privatleben hineinfließen – am meisten ihre erst kürzlich zu Ende gegangene Beziehung mit einem Mann namens Mitsuo, an den sie schlicht nicht aufhören kann zu denken. Denn Liebe spielt eine große Rolle in »Wave, Listen to Me!«. Nicht nur ist Minares Ex ein ständiges Thema, in den ersten Episoden wird ihr bereits die Liebe von ihrem Arbeitskollegen im Restaurant gestanden – Chuuya Nakahara, ein netter, anständiger, ein bisschen schüchterner Mann, der das absolute Gegenteil von Minare ist. Er wird später der Schwarm von Makie Tachibana, die Schwester des Mannes, der den Restaurantchef angefahren hat, weshalb sie sich schuldig fühlt und im Restaurant aushilft. Vom Charakter ist sie nicht großartig anders als Nakahara, nur um noch einiges schüchterner, wodurch die zwei schnell eine Chemie entwickeln, die Minare neidisch macht, obwohl sie gleichzeitig darauf besteht, mit Chuuya nichts anfangen zu wollen. Auch unter den Nebenfiguren gibt’s ordentlich Spannung, als Sound-Abmischer Ryuusuke Koumoto sich an Minares Mitbewohnerin Mizuho Nanba ranmacht, die selber Interesse am alten Herrn Kureko hat. So ziemlich der Einzige in der Serie, der vom Liebesdrama verschont bleibt, ist Produzent Matou. Wer also Interesse an einer Serie mit erwachsenen Liebesbeziehungen hat, die nicht weniger kompliziert sind als eine typische Oberschulromaze, aber definitiv anders ausgelebt werden, könnte hier durchaus seinen Spaß haben.

Man darf aber nicht vergessen zu erwähnen, dass sich »Wave, Listen to Me!« nicht mit heiklen Themen und brutalen Darstellungen zurückhält. Diese werden zwar nie wirklich ernst behandelt, da der Humor diese sehr zynisch überspielt, führen aber gerade bei der Visualisierung von Minares Hörspielen zu einigen eher unschönen Bildern. Generell bin ich Fan von zynischem Humor, jedoch bin ich mir hier nicht sicher, ob dieser nicht doch zu weit geht. Sofort denke ich dabei an den Abschnitt, wo Minare ihren ehemaligen Nachbarn aufsuchen soll, der an die Existenz von Geistern glaubt, um seine Geschichte fürs Radio auszuschlachten. Es stellt sich heraus, dass seine Freundin verschwand und er nun daran glaubt, sie würde ihn heimsuchen, aber über seine Freundin finden wir letztlich nie etwas heraus. Viel eher macht sich Minare noch einen Spaß daraus, was ihr Absurdes hätte passiert sein können, was auf mich einfach ein bisschen geschmacklos wirkt. In der darauffolgenden Episode entschuldigt sie sich zwar bei ihm, aber nur dafür, dass sie davon ausging, er könne sie selbst umgebracht haben. Am meisten ärgere ich mich aber über einige eher konservative Witze in der Serie. Zum Beispiel geht Minare bei jedem Kerl, der auch nur ansatzweise irgendeine Form von Nettigkeit gegenüber einem anderen Mann zeigt, sofort davon aus, er sei schwul. In der nächsten Szene wird sich über Vegetarier lustig gemacht, in einer anderen wird Feminismus als Punchline genutzt. Und natürlich ist die einzige schwule Nebenfigur – der Restaurantbesitzer – ein perverser Lustmolch, der jedem Mann an den Arsch greifen möchte. Wenn so etwas in einem Anime eher einmaliger Natur ist, kann ich darüber noch hinwegsehen, aber gerade Witze auf Kosten von Schwulen sind eine Konstante, die im Jahr 2020 doch echt nicht sein muss.

Animation

Mensch, Sunrise kann ja noch andere Dinge außer »Mobile Suit Gundam«, »Love Live!« und »Gintama«! Im Fall von »Wave, Listen to Me!« überließen sie die Regie Tatsuma Minamikawa, der zuvor nur im Regiestuhl von »Fairy Tale: The Movie - Dragon Cry« Platz nahm, aber aktuell sogar die Regie bei der zweiten Staffel von »Fire Force« übernimmt. Spätestens nach »Fire Force« merkte man, dass der Mann einen gewissen Stil zu haben scheint – die zweite Staffel hat hier im Gegensatz zur ersten ordentlich an Fahrt aufgenommen. Dieser nutzt vor allem sich überschlagende Ereignisse als Stilmittel. Bei »Wave, Listen to Me!« sieht das nicht anders aus. Das schnelle Tempo der Serie hat sogar über einige der zuvor angesprochenen schlechten Witze einfach hinwegerzählt. Denn noch bevor ich überhaupt die Zeit hatte, mich über sie aufzuregen, war die Handlung schon ein gutes Stück weitergeschritten. Allerdings gilt das auch nur für die ersten paar Episoden. Das lag nicht unbedingt am Tempo und der Inszenierung, sondern dass die Handlung gewissermaßen einen Status quo gefunden hatte, von dem sie nicht mehr abweichte. Am Anfang überrascht der Anime noch damit, wie flott und frech er ist. Abseits davon überzeugt der Anime aber mit tollem, übertriebenem Character-Acting mit lauter Smear-Frames. Was jedem bei den Screenshots auch schon aufgefallen sein dürfte, ist der generell recht einzigartige Look der Serie. Die Figuren setzen sich durch extreme Überbelichtung deutlich vom Hintergrund ab. Persönlich finde ich dieses Stilmittel jetzt weder schlecht noch gut, aber definitiv besonders und gut genug, um aus der Masse herauszustechen – wie schon der Manga. Ebenfalls gefallen mir die Designs der Figuren. Sie wirken etwas fülliger und breiter als übliche Animefiguren und vermitteln dadurch einen sehr erwachsenen Eindruck, auch weil nicht jede Figur irgendwelchen japanischen Schönheitsidealen entspricht, sondern alle eher nüchtern wirken.

Sound

Ehrlich gesagt habe ich den Soundtrack der Serie schon einen Tag, nachdem ich sie beendete, gar nicht mehr im Kopf – das und der Fakt, dass man ihn in keinster Weise auf YouTube finden kann, sollte für sich sprechen. Zumindest das Opening überzeugte mich. »aranami« von der Band tacica ist ein an Shoegaze angelehnter Feel-Good-Rocksong, der schwer zu skippen sein dürfte. Eine akustische Genugtuung dürfte hingegen die Performance von Minares Sprecherin sein. Ihre Art wird perfekt von der ziemlich neuen Sprecherin Riho Sugiyama verkörpert, die hier gerade einmal ihre zweite Hauptrolle überhaupt antritt. Sie ist enorm gut darin, Minares schnelle und aufgeregte Sprechweise einzufangen, die mich an die Hauptfigur aus »The Tatami Galaxy« erinnert, nur dass a) die Sprechtexte nicht nur aus reinen Monologen ohne Verschnaufpausen bestehen und b) ihr Gerede nicht künstlich verschnellert wurde.

Fazit

Handlung & Charaktere: Animation: Sound: Gesamt:
7 / 10 8 / 10 6 / 10 72 / 100

»Wave, Listen to Me!« ist ein unkonventioneller Anime, dessen Einzigartigkeit in meinen Augen gerade als Minderheit leider unter den konservativen Ansichten des Autors leidet, mich aber trotz dessen ganz gut für 12 Episoden unterhalten konnte. Gerade da erwachsene Figuren in Anime ziemlich unterrepräsentiert sind im Vergleich zu den Dutzenden Oberschülern in jeder Season und auch weil der optische Stil unverbraucht ist, ist »Wave, Listen to Me!« immer noch ein Titel, den man sich auf jeden Mal anschauen kann.

Plus Minus
  • Minares schnelle und aufgeregte Sprechweise
  • schnelles Tempo, das über fragwürdige Witze hinwegerzählt
  • erwachsenes Design der Figuren
  • nicht zeitgemäße Witze mit konservativen Punchlines
  • verfällt schnell in einen Status quo
  • ein Soundtrack, der nicht weiter ins Gewicht fällt

Ähnlich: The Great Passage

Miki

Miki leitet die Redaktion des AnimeSlam-Podcasts, talkt bei Rolling Sushi mit und veröffentlich Video-Essays auf dem AnimeSlam-YouTube-Kanal. Ihr Lieblingswort ist Trans Rights.

Website: twitter.com/MikiIsHere

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