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June

Ersteindruck - »Blue Period« – Wie finde ich Sinn in meinem Leben?

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Warum immer auf eine Review nach Abschluss der Serie warten, wenn man sich schon nach der ersten Episode beziehungsweise dem ersten Band einen Eindruck bilden kann? Da setzt Ersteindruck an und gibt schon einmal einen Ausblick darauf, ob es sich lohnt, dem Anime oder Manga eine Chance zu geben, oder nicht.

Blue Period - Band 1
Titel: Blue Period
Genre: Slice of Life
Mangaka: Tsubasa Yamaguchi
Release: Juni 2017 (JP)
Bände: aktuell 7 in Japan
Verlag: Manga Cult
Preis: 10,00 € pro Band

(Basis für diesen Ersteindruck ist der erste Band.)

Wie geht es nach der Schule weiter? Diese Frage stellen sich viele Schüler kurz vor ihrem Abschluss. Yatora Yaguchi steht in »Blue Period« genau vor dieser Entscheidung. Nur zufällig findet er seine Passion gegenüber Kunst und Malerei und muss nun den Rückstand gegenüber seinen Konkurrenten schnell aufholen. Das Werk der Zeichnerin Tsubasa Yamaguchi erscheint seit 2017 im »Afternoon«-Magazin des Kodansha-Verlags wöchentlich in Japan. Seitdem konnte die Reihe den 44. Kodansha-Anime-Award in der Kategorie »Bester Manga« neben vielen weiteren Preisen gewinnen. Kann der Manga auch Kunstbanausen wie mich überzeugen?

(Zusammenfassung)

Yataro Yaguchi hat gute Noten – aber keine Leidenschaft. Er trinkt, raucht und treibt sich bis nachts in der Stadt herum. Aber glücklich macht ihn das nicht. Und nun, kurz vor dem Schulabschluss, muss er sich fragen, ob das wirklich alles ist, was er vom Leben zu erwarten hat.

Da kommt er durch einen Zufall mit der Malerei in Kontakt – und plötzlich sieht er die Welt mit anderen Augen. Ohne jede Erfahrung beschließt er, sich für eine Kunstakademie zu bewerben. Doch die Aufnahmeprüfung ist hart … und ihm bleibt nicht mehr viel Zeit!

Manga Cult

plus Immersion durch Selbstfindungsprozess

Blue Period - Scan 1

„Ex, Ex, Ex“ mit diesen Worten wird Yatora direkt zu Beginn des Manga angegröhlt. Er trifft sich regelmäßig mit seinen Freunden zum Trinken, Essen und Spaß haben. Doch möchte er dies wirklich? Die Frage nach dem Ziel beschäftigt ihn schon lange. Wie sicherlich viele Leser, kann ich mich mit dieser Frage stark identifizieren. Durch die pluralistische Gesellschaft existieren tausende Möglichkeiten, das Leben zu bestreiten. Diese Möglichkeiten können ein Fluch sein, wenn man bisher noch keine Leidenschaft gefunden hat. In vielen Situationen des Lebens ist Yatora glücklich, immer wieder tauchen aber diese Zweifel auf.

Das führt dazu, dass Yatora als realistische Figur abseits von bekannter Manga-Tropes erscheint. Im Vergleich zu den bekannten Protagonisten anderer Shounen-Manga wie »Welcome to the Ballroom« dienen diese Zweifel nicht nur als Kontext, um die Prämisse der Serie zu begründen. Vielmehr trägt Yatora die Zweifel auch im Laufe der Geschichte weiter: Er weiß nicht, ob die Entscheidung, professioneller Maler zu werden, wirklich richtig ist.

Das trägt dazu bei, dass Yatora nicht nur als Vehikel existiert, die Story voranzutreiben. Vielmehr sind er und seine Entwicklung selbst der Fokus der Geschichte. Das an sich ist nichts Neues, in Kombination mit seinen Selbstzweifeln führt das allerdings dazu, dass er wie ein echter Mensch wirkt, weshalb es einfacher ist, sich in ihn hineinzuversetzen.

Minus Weniger ist manchmal mehr

Blue Period - Scan 2

Die Immersionskraft von »Blue Period« spürt man ganz besonders durch die Fülle an Informationen, die im ersten Band auf die Leser sowie Yatora hereinprasseln. Auf einer einzelnen Seite des Manga erfahren wir von acht unterschiedlichen Techniken, um Perspektive beim Zeichnen darzustellen. Yatora selbst wirkt überfordert. Diese Überforderung geht auch auf den Leser über, falls er keine besondere Expertise in diesem Bereich besitz. Auch das hilft dabei, sich noch besser in Yatora hineinzuversetzen.

Teilweise ist diese Fülle an Informationen aber zu viel. Die Wortanzahl einiger Seiten erinnert eher an Romane als an Manga, wodurch die Immersion teilweise verloren geht. Für Kunstinteressierte ist es sicherlich relevant zu erfahren, dass viele verschiedene Kunsthochschulen in Japan existieren, es ist aber nicht wirklich storyrelevant, die unterschiedlichen Charakteristika dieser Universitäten zu kennen. Die unterschiedlichen Möglichkeiten Perspektiven darzustellen sind zwar teilweise im Manga relevant, es werden aber nicht alle umgesetzt. Diese Menge an Informationen ist teilweise zu groß. Das führt dazu, dass ich hier weniger über Kunst gelernt habe als bei anderen Edutainment-Manga wie »Bakuman«.

Yatora hat nicht die Zeit, jede einzelne Technik zu lernen, wodurch der Leser keine Beziehung zu der Technik aufbauen kann wie zu neuen Spezialtechniken in Sportmanga wie »Haikyu!«. Zusätzlich gibt es hierbei für Yatora auch nur zwei Möglichkeiten der Entwicklung: Entweder er verzweifelt und bricht an der Fülle an Informationen zusammen oder seine Fähigkeiten entwickeln sich rasend schnell. »Blue Period« scheint den zweiten Weg zu wählen. Hierdurch wirkt Yatora wie ein Genie, was dazu führt, dass der angeschnittene Konflikt zwischen Talent und Arbeit bisher nicht wirklich weiter umgesetzt wird. Ein Grund für diese schnelle Entwicklung ist sicherlich, dass sie mehr Möglichkeiten bietet, Yatora in neue Konflikte zu involvieren und die Geschichte schneller voranzutreiben. Eine langsamere Exposition hätte den Lesefluss aber sicherlich positiv beeinflusst.

Plus Die Kunst der Charakterisierung

Blue Period - Scan 3

»Ein Bild sagt mehr als tausend Worte« – »Blue Period« zeigt, dass dieses Sprichwort auch für Manga zutrifft. Ensemble-Serien, in denen viele Charaktere eine Rolle spielen, müssen in kurzer Zeit diese treffend vorstellen. Häufig werden Steckbriefe oder Selbstbeschreibungen wie in »Run With The Wind« genutzt, um dies zweckdienlich und schnell zu tun. »Blue Period« geht einen anderen Weg: Die Figuren werden durch ihren Kunststil charakterisiert.

Yatora zum Beispiel hat Probleme ein Ziel im Leben zu finden und weiß deshalb sehr lange auch nicht, welcher Kunststil ihm am besten liegt. Als gegen Ende des ersten Bandes eine Gipsfigur im Uni-Vorbereitungskurs nachgemalt werden soll, ist das vermeintliche Genie Yotasuke – der bis dahin kaum ein Wort gesagt hat –, die einzige Person, deren Figur eine andere Pose als die Originalfigur einnimmt. Die Figur dreht sich vom Betrachter weg. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass Yotasuke ein eher verschlossener Charakter ist.

 

Yatoras Entwicklung wird ebenfalls durch seinen Kunststil widergespiegelt. Zu Beginn versucht er sich an vielen unterschiedlichen Genres, weil er nicht weiß, welche Richtung er im Leben einschlagen soll. Gegen Ende des ersten Bandes merkt er hingegen, dass er in der Malerei endlich ein Lebensziel gefunden hat und entscheidet sich daraufhin für die Ölmalerei – die sogenannte »Königsdisziplin« der Kunst. Dieser Stil war zu Beginn des Manga seine Schwäche. Durch die Wahl dieser Spezialisierung versucht er aber nun – wie in seinem Leben – an seinen Schwächen zu arbeiten. Diese Kleinigkeiten helfen dabei, die Charaktere auch ohne Textbeschreibungen einordnen zu können, die den Manga noch stärker aufgebläht hätten. 

Dieser Kniff funktioniert nur, weil viele unterschiedliche Künstler an dem Manga mitgearbeitet haben. Unterschiedliche Künstler sind für die Werke unterschiedlicher Charaktere zuständig, was dazu führt, dass auch ich als Kunstbanause die mannigfaltigen Stile erkannt habe.

Fazit:

Der Titel des Manga basiert auf einer künstlerischen Phase von Pablo Picasso. Es zeigt: Mangaka Tsubasa Yamaguchi ist ein Kunstexpertin. Sie kann clever verschiedene Stile in den Manga einordnen und diese nutzen, um die Figuren zu charakterisieren sowie die Geschichte weiterzuführen.

Wenn die Fülle an Informationen in den nächsten Bänden etwas zurückgeschraubt wird, können Fans von Shōnen- oder Coming-of-Age-Geschichten wie »Smile Down The Runway« oder »Bakuman« nicht viel falsch machen. Sogar ich als Kunstbanause habe großen Spaß mit dem ersten Band gehabt und bin gespannt wie die Geschichte im zweiten Band weitergeht.

Rezensionsexemplar - Manga Cult

Shinuslaw

Während Shinuslaw als Doktorand von seinem eigenen Lehrstuhl träumt, schreibt er gelegentlich schlaue Texte und führt clevere Interviews – wenn er jedenfalls nicht gerade bei Twitter rumpöbelt.

Website: twitter.com/Shinuslaw

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