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May

Die Anime-Kolumne: »Goblin Slayer« – eine gemütliche Pen-&-Paper-Runde als Anime?

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Genauso vielseitig wie Anime will auch die Anime-Kolumne sein, die sich Teilaspekte aus dem Kosmos herausnimmt und mit Witz analytisch auf dem Grund geht. Das Ergebnis ist dabei offen, interessant wird es aber allemal – wenn nicht, dann lasst es uns wissen.

Kaum eine Anime-Season vergeht, in der nicht mindestens ein Titel für Furore sorgt. In der Winter-Season 2018 war dies unter anderen »Goblin Slayer«. Grund war seine markerschütternde erste Episode, dessen Stil sich auch in den nächsten Folgen fortsetzen sollte. Wie einst »Elfenlied«, »Deadman Wonderland« und »Hellsing Ultimate« stellt sich auch »Goblin Slayer« dem hartnäckigen Vorurteil in Deutschland: »Anime sei nur etwas für Kinder«. Doch ist dies der einzige Sinn und Zweck dieses Dark-Fantasy-Abenteuers oder verbirgt sich mehr hinter den blutüberlaufenden Kampfgemetzel? Giira Ookami sucht nach Antworten.

(Zusammenfassung)

Eine junge Priesterin möchte professionelle Abenteurerin werden, um ihrer Welt, die von Monstern geplagt wird, nützlich zu sein. Schnell schließt sie sich einer unerfahrenen Gruppe an, die eine Mission zur Vertreibung von Goblins annimmt. Diese Monster-Art wird im ganzen Land als tabulose Räuber gefürchtet, die Männer töten und Frauen schänden. Die Gruppe findet sich dabei schnell in einem grauenhaften Albtraum wieder. Glücklicherweise kommt der Priesterin ein weiterer Abenteurer zur Hilfe: der Goblin Slayer. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle Goblins auszurotten – koste es, was es wolle. So schließt sie sich ihm an auf dem langen Weg zum Ende aller Goblins.

Wakanim

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Wir nehmen eine Fantasy-Welt, suchen uns eines der bekanntesten Monster heraus und machen dieses zu einer der vermeintlich größten Bedrohungen für diese Welt. Ihnen gegenüber stellen wir einen heruntergekommenden, hochrangigen Kämpfer, der sich nichts anderes in den Kopf gesetzt hat, als diese Bedrohung auszumerzen. Wichtig! Ihm ist dabei egal, dass der Rest der Abenteurergemeinde über ihn lacht. So der Ersteindruck von »Goblin Slayer«. Doch ist dies wirklich alles, was die Geschichte zu bieten hat? Zugegeben Goblins sind in diesem Anime wirklich ernstzunehmende Gegner. Dies gilt gerade für Anfänger, was bereits die erste Episode verdeutlicht, in der eine kleine Gruppe ihnen auf grausame Weise unterliegt. Ihre Stärke haben Goblins nicht ihrer Intelligenz, sondern ihrer überlegenden Anzahl zu verdanken. Zwar gibt es auch unter ihnen einige riesige, muskelbepackte Kämpfer und schlaue Köpfe, doch die Mehrheit besteht aus kleinen, fiesen Kreaturen, die nichts weiter im Sinn haben, als zu vergewaltigen und zu töten. Eine instinktive Zuschreibung, welche wir der Rasse seit Dungeons-&-Dragons-Zeiten zuschreiben. In »Goblin Slayer« werden die Dinge genauso schwarz-weiß gesehen. Doch mit Ausnahme von Goblin Slayer scheint niemand diese Gefahr zu erkennen.
Alleine macht man keine Party, weswegen Goblin Slayer sehr schnell auf ein Trio aus einer Elfenjägerin, einem Zwergenkrieger und einem Echsenschamanen trifft. Zusammen mit einer Priesterin, welche Goblin Slayer in der ersten Episode rettet, ergibt diese Konstellation die perfekte Zusammensetzung einer Pen-&-Paper-Runde à la »Dungeons & Dragons« oder »Das schwarze Auge«. Mit dem klugen, wortkargen Titelhelden Goblin Slayer und seiner pragmatisch trockenen Persönlichkeit haben wir den perfekten Krieger, der die Gruppe in gefährlichen Schlachten zum Sieg führt. Eine stetig währende Routine aus methodischer Planung, um das Risiko auf Überraschungen und Überfälle zu minimieren, ist seine Stärke. Die Tatsache, dass er sich nicht zu schade ist zuzugeben, den einen oder anderen Trick (wie das proaktive Herstellen von Gasmasken und die Nutzung eines Kanarienvogels als Warnsignal für Gas) von anderen übernommen zu haben, zeigt seine besondere Größe, der der eigene Stolz niemals in die Quere kommt. Ihm zur Seite steht die Priesterin, welche im Kampf hauptsächlich als Heilerin fungiert. Sie ist die gute Seele der Gruppe und trägt am meisten zur charakterlichen Entwicklung Goblin Slayers bei. Gemeinsam ergeben sie eine solide gebaute Gruppe aus Charakteren, die viele notwendige Aspekte für das erfolgreiche Bestehen von Dungeons mit sich bringen. Alle Charaktere haben ihre eigenen magischen Systeme, Kampfstile und Charakterzüge, die ihre Klasse und Rasse wiedergeben. Der Zwerg ist klein, bärtig und stattlich. Zudem trinkt er gerne einen über den Durst. Im Kampf schwingt er seine Axt, während die zarte Elfe sich lieber Pfeil und Bogens bedient. Ein einheitlicher Brei an Fähigkeiten ist nicht zu befürchten. Viel mehr folgen Ergänzungen, die in Kombination zu Goblin Slayers Strategien abwechslungsreiche Kämpfe bieten. Die Charakterisierung der Charaktere durch kleinere Feinheiten ist eine grundlegende Stärke der Geschichte.

GoblinSlayer14Nebencharaktere sollen dem Zuschauer ein tieferes Gefühl der Fantasywelt vermitteln. So treten vor allem in den Phasen abseits von Kämpfen & Erkunden Nebenfiguren wie eine vollbusige Hexe, eine prunkvoll gekleideter Paladin, ein Minnesänger, eine Mitarbeiterin der Gilde sowie zwei Anfänger, die sich Rat vom Titelhelden suchen, immer wieder auf. Ein Bauernmädchen bildet Goblin Slayers letzte Verbindung zu seiner Heimat. Ihr Hof gehört dadurch zum zweithäufigsten Schauplatz neben den wechselnden Dungeons, da er hier zumeist seine Ruhe findet. Als einflussreicher Questgeber neben der Gilde dient Swort Maiden. Diese vom Charakterdesign an Justitia (verbundene Augen, Waage in der linken Hand) angelehnte Bewohnerin dieser Welt hat auf der einen Seite viel Einfluss, ist auf der anderen Seite aber auch eine Überlebende der Gefangenschaft der Goblins. Demnach dienen Nebencharaktere der Geschichte mehr als Werkzeuge, um die Welt und ihre Regeln zu verdeutlichen. Eine tiefergehende Charakterisierung folgt aus ihrem stagniven Charakterbild trotz mehrfachen Auftritten nicht.

Doch nicht nur viele Anspielung in den Dialogen wie das stetige Reden über Würfel, die das Schicksal bestimmen, und die Charaktere erinnern an ein Pen-&-Paper-Abenteuer, auch die Welt, der Handlungsverlauf, einige der Monster und die Kämpfe könnten bei näherer Betrachtung direkt aus einem Kampagnenbuch stammen. So wechselt die Handlung stetig zwischen Kampfszenario und Erholungsphasen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. 

GoblinSlayer9In den Erholungsphasen bleibt Platz für das Character- und World-Building. Wir sehen die Arbeitsroutinen der Menschen dieser Welt. Sehen im Vorbeischlendern wie angehende Helden gerade im Schwertkampf trainiert werden. Andere holen sich Tipps von erfahrenen Helden, um bekannte Starter-Monster wie Riesenratten zu besiegen. Lautstark wird sich in der Gilde bei einem Krug Wein über das letzte Abenteuer unterhalten, während der Schmied die Rüstung wieder auf Vordermann bringt. Auf Reisen zum nächsten Dungeon gibt einem ein gemütliches Lagerfeuer die Möglichkeit, sich innerhalb der Gruppe besser kennenzulernen und über die Weltanschauung der würfelrollende Götter, welche die Welt erschaffen haben sollen, zu philosophieren. Eine Metapher für das Schicksal oder eine weitere Anspielung auf Pen & Paper?

GoblinSlayer11Die Kämpfe verbildlichen die Grundthese dieser Welt »Alles um dich herum ist brutal und grausam« und verdeutlichen zudem die Fortschritte, die die Charaktere machen. Während der Kämpfe setzen die Figuren zumeist ihre stärksten Angriffe ein. So beschwört der Schamane stetig einen skelletartigen Drachenkrieger, während der Zwerg seinen Betrunkenheitszauber wirken lässt. Goblin Slayer selbst überlässt sein Schicksal im Kampf nicht den Würfen der Götter. Der Grund, warum wir in entscheidenden Momenten der Schlacht sein Augen rot aufglühen sehen wie die Eins auf den regelmäßig gezeigten Würfeln, wenn es um Schicksalmomente von Charakteren geht. Jeder Pen-&-Paper-Spieler weiß, was für eine gewaltige Auswirkung das Werfen einer Eins mit sich bringen kann.

»Goblin Slayer« besteht aus kleinen pragmatischen Abenteuern, die uns in verschiedene Settings wie eine Goblin-Höhle oder die Kanalisation einer Wasser-Stadt führen. Die Handlung mit dem versteckten roten Faden führt einen im stetigen Wechsel zwischen Kampf und Erholung nach 13 Episoden zum Ende der Kampagne. Diese Erzählvariante wirkt auf den ersten Blick monoton, ist aber bei Pen & Paper ein Muss. Die Helden müssen Zeit haben, sich auszuruhen und ihre Ausrüstung auf Vordermann zu bringen, und sie brauchen Zeit, um ein eingespieltes Team zu werden, bevor es am Ende des Kampagnenbuches zur großen finalen Schlacht kommt. »Goblin Slayer« kann man meines Erachtens daher als Animeumsetzung eines Pen-&-Paper-Abenteuer betrachten, welches in einer düsteren, teils grausamen Fantasywelt spielt. Ob nicht die große Schlacht gegen einen Dämonenkönig, welche zeitgleich abläuft und immer wieder gerne in Gesprächen thematisiert wird, eine bessere Wahl als Story für die Animationsumsetzung eines Pen-&-Paper-Abenteuer wäre anstelle der Jagd nach Goblins und ihrem Ursprung, lasse ich jetzt mal dahin gestellt.

Giira Ookami

Giira Ookami ist Anime- und Mangafan seit Kindheitstagen. Wenn sie nicht gerade Anime schaut, steckt sie ihre Nase in Manga.

Website: twitter.com/giiratalk

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